Eine Einladung zum Diskurs

Die Jubiläumsausstellung 150 Jahre RWTH im Stadtmuseum Centre Charlemagne zeigt, wie Wissenschaft Licht ins Dunkel bringt und wie sich die Hochschule seit der Gründung als Polytechnische Schule entwickelt hat

Wissenschaft bringt Licht ins Dunkel. Diese Perspektive bestimmt die Ausstellung „Lernen. Forschen. Machen. 150 Jahre RWTH Aachen“, die in einer Gemeinschaftsproduktion von Universität und Stadt Aachen seit Oktober 2021 (bis zum 13. Februar) im Centre Charlemagne zu entdecken ist. In bewusst dunkler Kulisse sind es sprichwörtliche Lichtblicke, die aus der Hochschule heraus in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden – und dass aus 151 Jahren. Ursprünglich war die Ausstellung im Jubiläumsjahr 2020 geplant, sie musste aber aufgrund der Corona-Pandemie zunächst abgesagt werden. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben. Idee und Anspruch blieben.

Aber wie lassen sich 150+1 Jahr Geschichte der größten technischen Universität Deutschlands auf die begrenzte Quadratmeterzahl des Stadtmuseums komprimieren, erst recht, wenn der Blick nicht nur zurück, sondern mit aktueller Forschung auch explizit nach vorne geht?

Der Ansatz war quasi ein wissenschaftlicher: Es wurden Fragen skizziert, denen sich eine Hochschule stellt und stellen muss:

· Können wir die Welt verändern?
· Wo sind die Grenzen der Forschung? Und werden wir unsterblich?
· Wie begegnet die RWTH den gesell- schaftlichen Herausforderungen?
· Sind wir wirklich exzellent?
· Wie international ist die RWTH?
· Wie sieht die Zukunft der universitären Lehre aus?

Diese Fragen sind Vieles: Sie sind (selbst-) kritisch, auch provokant, vor allem eine Einladung zur Diskussion. Als diese versteht sich die gesamte Ausstellung: Die Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sich mit diesen Fragen und den angebotenen Antworten, die das Projekt Leonardo, angesiedelt beim Human Technology Center (HumTec) an der Philosophischen Fakultät der RWTH, formuliert hatte, auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Ansatz ging also über die klassische Werkschau hinaus.

Die gemeinsame Jubiläumsausstellung der RWTH Aachen und der Stadt Aachen im Centre Charlemagne gibt Einblicke in Geschichte und Entwicklung der RWTH, die am 10. Oktober 1870 als „Königliche Rheinisch-Westphälische Polytechnische Schule“ gegründet wurde, und bietet die Gelegenheit, Forschungshighlights und Schwerpunkte aller relevanten Bereiche aus 150 Jahren zu entdecken.

Natürlich gibt es auch Spannendes, Überraschendes, Nachdenkliches, Wissenswertes zu entdecken, anzufassen und auszuprobieren. Ein paar Beispiele: Ein Energiemodell zeigt die Energieversorgung gestern, heute und morgen und veranschaulicht, wie regenerativ erzeugte Energie helfen wird, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Der Clou: Für das Modell wurde extra der Aachener Stadtkern modelliert. Ein paar Schritte weiter: Die biohybride Herzklappe und „ReinHeart“, das Kunstherz. Sie stehen für medizinischen Fort- schritt, mit dem Leben gerettet werden kann und der die Grenzen der Forschung immer stärker ausdehnt.

Es gibt viele solcher Beispiele, die das Team um die Ausstellungskuratorinnen Carmen Roebers, Stadt Aachen, und Gabriele Renner, RWTH, zusammengeführt haben. Und gleichzeitig sind die ausgestellten Objekte und Modelle nur ein kleiner Ausschnitt aus interdisziplinärer Forschung, die am Ende immer auch neugierig machen (sollen), sich weiter mit der RWTH auseinanderzusetzen.

So auch mit anderen Themen wie der Internationalität der RWTH – sehr eindrucksvoll dargestellt durch eine vernetzte Welt. Derzeit studieren an der RWTH über 12.000 internationale Studierende aus 138 Ländern. Es existieren mehrere Hundert Partnerschaften mit internationalen Hochschulen weltweit. Zu hören ist in der Ausstellung beispielsweise ein Interview von Felicite Doudou. Sie kam zum Studieren in den 80er-Jahren von der Elfenbeinküste nach Aachen und berichtet, welche Eindrücke sie hier gesammelt hat und was ihre Beweggründe waren in Deutschland zu studieren. Professor Reiner Kopp, ehemals am Lehrstuhl für Bildsame Formgebung, mittlerweile emeritiert, berichtet an anderer Stelle, welche Erfahrungen und Eindrücke er in den 70er-Jahren im Austausch mit einer Partnerhochschule in Peking gemacht hat. Diese und weitere Stimmen kommen bewusst zu Wort, um ein möglichst vielfältiges Bild vermitteln zu können.

 

Stationen der Vergangenheit
Natürlich ist eine Ausstellung über 150 beziehungsweise dann am Ende 151 Jahre RWTH auch eine Aufarbeitung dieser Zeit. Ein Zeitstrahl führt von der Gründung der (Poly-)Technischen Schule dank der Initiative damaliger bedeutender Persönlichkei- ten aus der Aachener Bürgerschaft, der beachtlichen Geldspende der „Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft“, der heutigen Generali Deutschland, und der Einmalzahlung des „Aachener Vereins zur Beförderung der Arbeitsamkeit“, der heutigen Sparkasse, zu vielen wichtigen Stationen der Vergangenheit: die Gleichstellung der TH mit den Universitäten durch die Verleihung des Promotionsrechtes 1899; die Zulassung von Frauen zum Studium an der TH im Jahr 1909; die Demonstration gegen die Schließung der Philosophischen Fakultät im Jahr 1987.

Apropos Generali und Sparkasse Aachen: Sie blieben der RWTH verbunden und unterstützen auch die Jubiläumsausstellung als wichtige Sponsoren, ebenso wie Grünenthal, die Landmarken AG, die Stawag und der Förderverein der Hoch- schule proRWTH.

Ja, es ist viel passiert, und nicht immer war es ruhmreich. Auch die Schattenseiten der Hochschule finden auf der Zeitleiste dementsprechend Beachtung. So zum Beispiel die öffentliche Enttarnung der NS-Vergangenheit des ehemaligen Rektors der TH Hans Schwerte alias Hans Schneider als SS-Hauptsturmführer. Für den Zeitstrahl haben vor allem die Historiker Professor Max Kerner, Professor Armin Heinen und der ehemalige Rektor Professor Ernst Schmachtenberg die Beiträge erarbeitet. Was hat sich in den letzten 150 Jahren nicht alles ge- und verändert, etwa in Bezug auf Studium und Lehrmethoden?

Mit Unterstützung von Professor Aloys Krieg, Prorektor für Lehre, der Hochschul- Theatergruppe „Poetischer Anfall“ und dem Filmteam von Wisam Zureik wurden Filme gedreht, die zeigen, warum zum Beispiel auch der Lehrbetrieb an der RWTH im Vergleich zu anderen Universitäten den Exzellenzstatus verdient hat.

Die RWTH, weltweit vernetzt. (Szenografie Saskia Petermann/Agentur wesentlich)

Prägende Akteurin für die Stadt Aachen
Forschung und Vernetzung, die prägende Rolle im Aachener Stadtbild, berühmte Köpfe und natürlich das Studierendenleben, die Ausstellung will in ihrem Facettenreichtum viele Berührungspunkte zu den Besucherinnen und Besuchern schaffen. Vieles steht für Entwicklungen ganzer Epochen – auch abseits der Hochschulmauern. „Die Hochschule ist auch immer ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Veränderungen, einer Gesellschaft, die in 150 Jahren gleichermaßen diverser wie internationaler wurde. Die RWTH war immer eine prägende Akteurin für die Stadt Aachen, und die Stadt prägte umgekehrt die Hochschule“, erläutert der Rektor der RWTH, Professor Ulrich Rüdiger. Das macht die Ausstellung erlebbar.

Und dieses Erlebnis war von Beginn an das erklärte Ziel. Als an der RWTH mit der Planung des Jubiläums, welches ja eigentlich ins Jahr 2020 fiel, gestartet wurde, da wurde zunächst einmal abgefragt, was sich die RWTH-ler eigentlich wünschen und welche Vorstellung es von einem Jubiläum gibt. Natürlich wurde über die Aufarbeitung der Vergangenheit gesprochen, und es wurden rasch viele Stimmen laut, dass man die RWTH und ihre besondere Geschichte nicht nur den üblichen, ohnehin an der Hochschule interessierten, sondern eben den Menschen außerhalb der RWTH, den Menschen um uns herum, näherbringen sollte. Das wurde die Maxime. Die RWTH wollte sich als lebendiger Teil von Stadt und Region auch eben dort präsentieren, das Museum im Herzen der City als Ort war ideal.

So formuliert es auch Rektor Rüdiger: „Universität und Stadt sind stolz aufeinander und vor allem – und das ist noch sehr viel wichtiger für die Stadt mit ihren Bürgerinnen und Bürgern und die RWTH mit ihren Studierenden und Beschäftigten:

Wir wollen zusammen Zukunft gestalten. Wir als Hochschule wollen unsere Expertise bewusst auch hier vor Ort einbringen und die Stadt kommt gezielt auf uns zu, weil wir beide ein Ziel haben: eine lebenswerte, spannende, fortschrittliche Stadt und Region.“ Das wird im Centre Charlemagne in spannender Manier ausgedrückt.

Thorsten Karbach

 

RWTH-Band

Begleitend zur Ausstellung hat die RWTH einen Band herausgegeben, der die 150-jährige Hochschulgeschichte aus zahlreichen Perspektiven beschreibt. 35 Kurzbeiträge von insgesamt 37 Autorinnen und Autoren schaffen für alle Bürgerinnen und Bürger einen spannenden Zugang sowohl zur Vergangenheit als auch zum aktuellen Stand der Hochschule. Die Texte wurden keinesfalls exklusiv für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geschrieben, sondern bewusst für ein breites Publikum.

Thematisiert wird beispielsweise das Verhältnis von Hochschule und Stadt. Nachvollziehbar wird auch, wie die RWTH zu einer sogenannten „Exzellenzuniversität“ und einer Macheruni mit einer überaus beeindruckenden Gründerszene wurde; was sie unternimmt, um ihre inzwischen über 47.000 Studierenden mit neuen Lehrmethoden auf einen bestmöglichen Abschluss vorzubereiten, der von internationaler Bedeutung ist. Aber auch Versäumnisse werden ehrlich thematisiert, so zum Beispiel die Rolle der RWTH im Nationalsozialismus und ihre fehlende eindeutige Haltung, was den damaligen Umgang mit jüdischen Lehrenden und Studierenden betrifft.

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