Inklusion an der RWTH
Studieren mit Autismus
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) stellen tiefgreifende, neurobiologisch bedingte Entwicklungsbesonderheiten dar, die in der frühen Kindheit manifest werden und lebenslang bestehen bleiben. Im Mittelpunkt dieser Störungen stehen spezifische Auffälligkeiten in den Bereichen soziale Interaktion, Kommunikation und Verhaltensmuster. Die Symptome können in ihrer Ausprägung und Intensität erheblich variieren, weshalb aktuell bewusst von einem „Spektrum“ gesprochen wird.
Verschiedene Institutionen der RWTH Aachen bieten Unterstützung für betroffene Studierende:
Psychologische Beratung
Die Psychologische Beratung für Studierende der RWTH ist Teil der Zentralen Studienberatung. In vertraulichen Einzelgesprächen haben Studierende die Möglichkeit, sämtliche Themen zu erörtern, die im Zusammenhang mit ihrer psychischen Gesundheit und ihrem emotionalen Wohlbefinden stehen. Darüber hinaus bietet die Psychologische Beratung eine Vielzahl weiterer Formate an, in denen Fachwissen sowie hilfreiche Strategien zu mentalen und lernpsychologischen Fragestellungen vermittelt werden.
Die individuellen Ausprägungen der Bedürfnisse variieren stark, was auch auf die unterschiedlichen Unterstützungsbedarfe der Betroffenen hinweist. Personen im Autismus-Spektrum haben häufig Schwierigkeiten, äußere Reize nach deren Relevanz zu filtern. Reizintensive Umgebungen, wie beispielsweise Präsenzveranstaltungen mit zahlreichen Teilnehmenden, können für sie besonders belastend sein und führen oft zu einem erhöhten Erholungsbedarf. Es kann herausfordernd sein, das richtige Gleichgewicht zwischen Anforderungen und Ruhezeiten zu finden. Insbesondere dann, wenn das Studium den eigenen Spezialinteressen entspricht, besteht die Gefahr, dass persönliche Grenzen überschritten werden.
Andere Studierende hingegen empfinden insbesondere zu Beginn ihres Studiums eine hohe Belastung durch den Wechsel des Wohnorts und das Fehlen familiärer Routinen. In solchen Fällen ist es entscheidend, neue Routinen zu etablieren und Unterstützung beim Aufbau eines sozialen Netzwerks zu leisten. Manche Betroffene suchen die Psychologische Beratung auch auf, weil sie sich bei intensiven emotionalen Erlebnissen überfordert fühlen. Hier kann es hilfreich sein, ein besseres Verständnis für eigene Emotionen zu entwickeln und Strategien zur Beruhigung zu erlernen.
Trotz dieser unterschiedlichen Bedarfe gibt es jedoch auch grundlegende Aspekte, von denen alle Betroffenen profitieren können: Dazu zählen klare und eindeutige Kommunikation, hohe Verbindlichkeit in Absprachen sowie reizarme Umgebungen gepaart mit Geduld und Akzeptanz.
Diese Elemente sind universell wohltuend für jeden Menschen und verdeutlichen, dass Personen im Autismus-Spektrum nicht grundsätzlich andere Bedürfnisse haben als ihre Mitmenschen. Vielmehr sind sie in besonderem Maße auf jene Faktoren angewiesen, die allgemein als förderlich gelten.
Beauftragte für inklusives Studium
Bei gesundheitsbedingten Schwierigkeiten im Studium sind die Beauftragten für inklusives Studium (BIS) die erste Anlaufstelle. Sie beraten nicht nur bei Fragen zum inklusiven Studium und informieren über Unterstützungsmöglichkeiten, sondern vertreten auch die Belange von Studierenden mit Behinderung und chronischer Erkrankung gemäß §62b HG NRW in den Gremien der Hochschule und initiieren Projekte zur Unterstützung.
Herausforderungen für Studierende im Autismus-Spektrum bestehen vor allem in der Studienorganisation, im Studienalltag und im Bereich Prüfungen. Auch der Einstieg ins Studium ist ein häufiges Thema in Beratungsgesprächen.
Studieninteressierte im Autismus-Spektrum informieren sich oft bereits vor dem Abitur über Anforderungen und Möglichkeiten, um zu erfahren, worauf sie sich im Studium einstellen müssen. In Kooperation mit der „Beratung für Schüler*innen und Studieninteressierte“ der Zentralen Studienberatung bietet BIS daher gemeinsame Beratungen zum Studieneinstieg und Unterstützungsmöglichkeiten an. Im Anschluss besteht die Möglichkeit einer individuellen Campus-Führung zur ersten Orientierung.
Angepasster Studienverlauf und Nachteilsausgleiche
Im Studium sind Studienassistenzen und Ruheräume als ruhige Rückzugs- und Arbeitsorte zwischen Vorlesungen eine wichtige Unterstützung, um den Studienalltag besser bewältigen zu können. Um eine Überforderung zu vermeiden, kann der Studienverlauf an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden.
Mithilfe des Nachteilsausgleichs können auch Rahmenbedingungen von Prüfungen an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden. Für Studierende im Autismus-Spektrum sind vor allem Schreibzeitverlängerungen, reizarme Prüfungsräume und die Nutzung von Hilfsmitteln relevant.
Eine Vernetzung mit anderen Betroffenen kann über das Studientraining „Meine Erkrankung, mein Studium und ich“ oder die Selbsthilfegruppe für Studierende im Autismus-Spektrum erfolgen.
Weitere Informationen zum Thema „Studium mit Autismus“ bietet ab Oktober 2025 das Themenjahr „Sensibel sein für… Autismus bei Studierenden“: www.rwth-aachen.de/sensibelsein
– Autorinnen: Kerstin Platt und Lena Schulte