„Ich glaube immer zuerst an die Chancen.“
Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, im Gespräch mit der „keep in touch“
Dr. Karsten Wildberger studierte und promovierte an der RWTH Aachen, arbeitete als Unternehmensberater und im Management. Seit Mai 2025 ist er Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung – ein Ministerium, das es in dieser Form noch nicht gab. Wie kam es dazu? War die Entscheidung für ein politisches Amt schwierig? In welcher Form hat die RWTH seine berufliche Laufbahn geprägt? Im Gespräch mit der „keep in touch“ erzählt Karsten Wildberger von den Herausforderungen eines neu gegründeten Ministeriums und seiner tiefen Verbindung zu seiner Alma Mater, der RWTH.
Lieber Herr Dr. Wildberger, Sie haben 1997 an der RWTH im Fach Physik promoviert, danach aber eine ganz andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Erst Unternehmensberatung, dann Management, dann Politik. Wie kam es dazu?
Mir haben Promotion und Forschungsarbeit unglaublich viel Spaß gemacht und unheimlich viel bedeutet. Für mich war somit die Frage „Bleibe ich in der Wissenschaft oder gehe ich raus?“ keine einfache. Ich war lange Zeit auf dem Wissenschaftspfad unterwegs, aber irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, ob die wissenschaftlichen Fragestellungen, die mich schon immer fasziniert haben, ausreichen, um mich ein Leben lang durch den Beruf zu tragen. Außerdem fand ich es außerhalb der wissenschaftlich spezialisierten Community sehr einsam; ich habe aber immer gerne mit Menschen gearbeitet. So habe ich mich dazu entschieden, aus der Wissenschaft herauszugehen, denn ich wollte mit Menschen zusammenarbeiten und etwas gestalten.
Für mich hat sich dann Unternehmensberatung angeboten, denn bei dieser Aufgabe sieht man im Schnelldurchlauf eine ganze Menge und kann daraus interessante Fragestellungen für die Industrie ableiten – so war es zumindest bei mir. Aber ich muss dazu sagen: Selbst nach Jahren im Beruf denke ich immer noch an die Forschung zurück. Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen.
Aus der Unternehmensberatung habe ich eine Faszination für Telekommunikation mitgebracht, außerdem interessieren mich Infrastruktur und Industrie und ich mag es, Dinge zu verändern, Dinge anders zu denken, anders zu machen.
Auf dieser Grundlage habe ich mir auch die Unternehmen für meine Management-Tätigkeiten ausgesucht: Ceconomy, die Muttergesellschaft von Media Markt und Saturn. Viel im Leben passiert auch durch Begegnungen mit Menschen, Wege kreuzen und Türen öffnen sich – bei mir war es dann die Politik. Mein Lebenslauf war so nie geplant. Die Politik auch nicht. Es kam irgendwann ein Anruf, denn auf so einen Posten bewirbt man sich ja nicht. Offen sein für das Unbekannte, Dinge über den Haufen werfen und auch furchtlos sein – das habe ich aus der Physik mitgenommen.
Sie wurden angerufen und Ihnen wurde der Posten des Ministers angeboten. Mussten Sie darüber nachdenken?
Der Anruf kam und zwölf Stunden später musste eine Antwort da sein, das war kein langer Prozess. Ich bin ein politisch denkender Mensch. Wenn man die Möglichkeit bekommt, einen kleinen Beitrag zu leisten, damit Dinge anders – und damit meine ich: besser – werden, dann ist das eine große Chance, aber auch eine besondere Ehre und Verantwortung. Am Ende des Tages gab es für mich nur eine Antwort und die war „Ja“. Der formale Prozess ging zwei Wochen später los. Mein Leben hat sich in sehr kurzer Zeit dann sehr stark verändert.
2023 durften wir Sie auf dem Promotionsjubiläum begrüßen und haben das 25-jährige Jubiläum Ihrer Promotion gefeiert. Wie war es für Sie, an die RWTH zurückzukehren? Sind Sie noch oft an der RWTH?
Ich hatte immer Kontakt nach Aachen, auch beruflich bedingt. Ich war bei E.ON im Vorstand und zuständig für das E.ON Energy Research Center. Neben den Beiratssitzungen war ich auch in viele Forschungsprojekte eingebunden – das hat großen Spaß gemacht. Das war eine sehr intensive Zeit und hat viele Erinnerungen hervorgerufen.
Ich hatte außerdem immer Kontakt zum Forschungszentrum Jülich. Einer meiner Söhne hat in Aachen studiert und promoviert dort aktuell, insofern gibt es weiter eine sehr persönliche Verbindung. Mein Bruder hat ebenfalls in Aachen studiert und lebt dort. Immer wenn ich in Aachen bin, fühlt es sich ein Stück weit an wie nach Hause zu kommen. Aber es regnet leider auch oft ...
Außerdem verfolge ich seit Jahren begeistert die Entwicklung der RWTH. Ich wünsche mir, dass die Entwicklung noch stärker hin zu einem umfassenden Ökosystem geht: Uni, Forschung, Studierende, Start-ups, etc. Die Aachener Region hat großes Potenzial.
Wo war Ihr liebster Ort auf dem Campus?
Es gibt nicht den einen Ort, aber es gibt schöne Anekdoten und Erlebnisse, die ich mit bestimmten Orten verbinde. In einem Praktikumsversuch sollten wir das Erdmagnetfeld ausmessen. Wir haben stundenlang rumgetüftelt, aber die Messergebnisse waren durchweg unbrauchbar. Das ergab überhaupt keinen Sinn. Plötzlich kam jemand rein und erklärte uns, dass er den gleichen Versuch zwei Tage vorher gemacht hatte. Dann riss er die Schränke auf und darin lagen lauter Hufeisenmagneten … Da hatte sich einer einen Scherz erlaubt!
Sie sagten eben, es helfe, offen zu sein für das Unbekannte. Ist das ein Rat, den Sie auch anderen Alumni oder Studierenden geben würden, die eine ähnliche Karriere anstreben?
Ich hatte nie den Plan, dass ich mal in einem Unternehmen im Vorstand sein möchte, sondern habe mich immer an der Sache und an der Größe der Aufgaben orientiert. Eine Karriere habe ich in dem Sinne nicht angestrebt.
Mein Rat wäre: Wenn das, was man tut, einen mit Energie erfüllt und motiviert, ist das ein großer Erfolg. Man muss das suchen, was einen wirklich bewegt und motiviert, und man sollte sich dann die Frage stellen: „Warum ist das eigentlich so?“ Ich glaube nicht, dass eine bestimmte Position oder Geld allein gute Antriebe sind, die Motivation sollte eine andere sein. Außerdem glaube ich, dass man immer bereit sein muss, sich mehrfach neu zu erfinden. Zusammengefasst: Offen für Neues sein, neugierig sein und sich gegebenenfalls umorientieren.
Wir brauchen noch mehr junge Menschen, die selbst mehr gestalten. Selbst machen, selbst gründen, ausprobieren, … wenn man die Möglichkeit dazu hat. Neben dem Gestalten brauchen wir außerdem junge Menschen, die dabei mithelfen, die Gesellschaft zusammenzuhalten.
Sie saßen lange im Beirat des Aachener Ingenieurpreises. Warum halten Sie es für wichtig, wissenschaftliche Leistungen öffentlich nahbar zu machen?
Das hat verschiedene Gründe. Erstens gibt es herausragende Persönlichkeiten, die großartiges geleistet haben und das ist per se anerkennenswert. Zweitens halte ich es für sehr wichtig, dass Ingenieursleistungen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und am Ende auch wirtschaftliche Erfolge erzielen, in der Gesellschaft transparent werden. Ich glaube, die Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und auch Ingenieursleistungen ist in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert. Außerdem ist der Preis auch ein Ansporn für den wissenschaftlichen Nachwuchs, Ähnliches zu erreichen.
Ich freue mich sehr darüber, dass wir in den vergangenen Jahren mehr Preisträgerinnen hatten und dass wir es auch geschafft haben, zu zeigen, dass man nicht immer das größte Unternehmen in Deutschland gebaut haben oder die tollste Erfindung gemacht haben muss, sondern dass es auch wichtige Bereiche wie Wissenschaftskommunikation gibt.
Kommen wir zu Ihrem aktuellen Berufsalltag: Es gibt bestimmt viele Herausforderungen für ein Ministerium, das neu gegründet wurde. Wie würden Sie Ihre Strategie für die kommenden Jahre zusammenfassen?
Das Ministerium hat zwei große Aufgabenfelder: Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Beides sind Querschnittsaufgaben, was in der Politik nichts Alltägliches ist. Ministerien arbeiten in der Federführung häufig sehr isoliert, es gab also die Notwendigkeit, für bestimmte Themen, die man ressortübergreifend bearbeiten kann, eine koordinierende Stelle zu schaffen – das Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung.
Wir haben einen klaren Plan, was genau wir im Zuge der Staatsmodernisierung entbürokratisieren wollen, das ist im Koalitionsvertrag hinterlegt. Jetzt schon, nach einigen Monaten in der Praxis, haben wir bereits Strukturen geschaffen, die uns befähigen, diese Diskussionen permanent zu führen – auch im Kabinett.
Bezüglich der Digitalisierung haben wir vier Schwerpunktfelder, auf die wir uns fokussieren. Bei der digitalen Infrastruktur – da geht es auch um Telekommunikationsnetze – passiert schon eine ganze Menge. Wir haben bereits wichtige Gesetzesänderungen vorgenommen und werden zum Jahresende noch weitere beschleunigende Maßnahmen auf den Weg bringen, damit der Netzausbau für Glasfaser und Mobilfunk schneller vorangeht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das gelingt.
Zweitens haben wir das wichtige Thema Regulierung – für die Digitalisierung allgemein, aber auch für KI. Das Thema ist sehr stark EU-orientiert, und es wird darum gehen, eine bessere Balance zu finden zwischen Chancen und Risiken. Da muss das Pendel meiner Ansicht nach jetzt deutlich schneller Richtung Chancennutzung gehen.
Das dritte Thema ist die digitale Souveränität. Dazu zählen Gigafactories [„gigantische Industriebauten“, Anm. d. Red.] für KI-Entwicklung, die wir mit der EU aufsetzen möchten, oder auch europäische Cloud-Anbieter stärker zu nutzen. Ebenso wollen wir eine andere Dynamik bei Start-ups entfachen, um Innovationen zu fördern, wie etwa mit Reallaboren. Digitale Souveränität bedeutet: Die ganze Dynamik muss sich dahingehend verändern, dass wir digital unabhängig werden.
Das vierte Feld ist ganz wichtig, weil es auch die Bürgerinnen und Bürger stark interessiert: die Digitalisierung in der Verwaltung. Wir haben mit 11.000 Kommunen und zigtausend verschiedenen Fachverfahren noch einen weiten Weg vor uns. Aktuell haben wir vier große Projekte – wir nennen sie: Missionen – definiert, die beschreiben, wie wir mit der Digitalisierung jetzt vorankommen wollen, natürlich in Zusammenarbeit mit den Bundesländern. Die Menschen sollen Verwaltungsvorgänge in Zukunft deutlich häufiger digital erledigen können.
Also viel zu tun, aber wir arbeiten seit Woche eins bereits operativ und haben nach zwei Monaten schon einen Fahrplan festgelegt, während wir zeitgleich das Ministerium aufbauen. Das ist ein dickes Brett, aber wir kommen gut voran.
Man liest viel über Entbürokratisierung im Zusammenhang mit dem neu gegründeten Ministerium. Ist diese ein Beispiel für eine konkrete Aufgabe, die Sie aktuell angehen?
Ja, Digitalisierung bedeutet immer auch Bürokratierückbau. Wir beschäftigen uns dabei intensiv mit den Koalitionsvereinbarungen der vergangenen Regierungen, zum Beispiel beim Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mit seinem ganzen Berichtswesen. Diese Berichtspflichten lähmen viele Unternehmen.
Bei der Digitalisierung hoffe ich auch, dass wir durch KI viele Dinge anders und schneller machen können als in der klassischen Programmierung. Dafür wollen wir auch Start-ups einladen, in einem Umfeld von Reallaboren bestimmte Verfahren zu erproben und so den Nachweis zu erbringen, dass das möglich ist. Und ich glaube, dass neue Technologien, allen voran KI, unglaubliche Möglichkeiten bieten.
Vermissen Sie manchmal Ihr altes Leben?
Ich schaue nie zurück, sondern nutze den Rückspiegel nur, um besser voranzukommen. Die Rückschau dient mir lediglich dazu, im Hier und Jetzt zu lernen und gestärkt in die Zukunft zu blicken.
Was sollen die Menschen in zehn Jahren mit dem Minister Karsten Wildberger in Verbindung bringen?
Ich hoffe, dass ich als Minister einen Beitrag dazu leisten werde, dass in Deutschland eine Dynamik entsteht. Wir haben zu viel bürokratischen Beton angehäuft, wir müssen diese Komplexität abtragen. Für die Bürgerinnen und Bürger soll es spürbar besser werden, zum Beispiel die digitale Infrastruktur beim Ausbau des Glasfaser- und Mobilfunknetzes. Ich hoffe, dass wir bis dahin eine ganz andere Dynamik von jungen, innovativen Unternehmen haben, dass sich drei- bis viermal so viele Start-ups entwickeln, die sich an innovativen Technologien versuchen. Und nicht zuletzt sollten wir im Bereich der Verwaltungsdigitalisierung einen großen Schritt nach vorne gekommen sein. Ich möchte in allen Bereichen messbare Fortschritte erzielen.
Ich würde mich freuen, wenn wir in Deutschland in zehn Jahren wieder positiver in die Zukunft blicken, weil wir uns auf unsere Stärken besinnen. Und dass wir in Technologien und Innovation zuallererst eine Chance sehen, ohne direkt das Risiko zu adressieren. Mit dem Risiko müssen wir auch umgehen, aber ich glaube immer zuerst an die Chancen.
– Autorin: Siba Fitzau. Das Interview wurde im August 2025 geführt.