Carolin Krieweth – Brückenbauerin zwischen Theorie und Praxis
Wie die Assistenzprofessorin der RWTH Aachen Studierende für Innovation begeistert
Carolin Krieweth meldet sich für unser Interview aus dem Collective Incubator, den Räumlichkeiten von RWTH und FH Aachen, in denen Gründungsteams und Start-ups sich treffen und an ihren Ideen arbeiten können. Das passt – denn Carolin Krieweth ist selbst Co-Gründerin des Start-ups Regascold.
Regascold hat einen Prozess entwickelt, mit dem Abkälte aus Flüssiggas, das für Kühlprozesse verwendet wird, in Energie umgewandelt werden kann. Ein ganz schön ingenieurstechnisches Thema für eine Wirtschaftswissenschaftlerin wie Carolin Krieweth. „Ganz ehrlich, von Thermodynamik habe ich keine Ahnung“, lacht sie. Aber dieses technische Knowhow bringen ihre Mitgründer mit, sie selbst kümmert sich um die Marktstrategie. „Ohne ein funktionierendes Produkt gibt es kein Geschäftsmodell, aber ohne eine klare Marktstrategie, Finanzierung und Unternehmensführung kann selbst die beste Technologie nicht erfolgreich werden.“ Für Carolin Krieweth ist Regascold die perfekte Schnittstelle zwischen beiden Welten. Der konkrete Anstoß zur Gründung kam durch ihr Netzwerk. Aus dem ersten Austausch ist dann die gemeinsame Gründung geworden. „Die Idee erschien mir wirtschaftlich attraktiv und gesellschaftlich sinnvoll und diese Kombination hat mich letztlich überzeugt.“ Aktuell ist sie nur noch beratend für das Start-up tätig.
Carolin Krieweth – ihr Name ging im Frühjahr 2025 durch die Medien, als sie auf der Forbes-Liste „30 under 30“ aufgeführt wurde. „Die Auszeichnung war für mich eine große Ehre und hat mich darin bestärkt, dass meine Arbeit der letzten Jahre wahrgenommen und geschätzt wird.“ Für Regascold war es ein Türöffner für viele Investor*innen. Aber Carolin Krieweth bleibt bodenständig: „Am Ende zählt immer das, was man wirklich auf die Beine stellt.“
Doch noch vor Forbes-Liste, Thermodynamik und Start-up ist Carolin Krieweth vor allem eins: Assistenzprofessorin an der RWTH und Wirtschaftswissenschaftlerin mit Leib und Seele. Bei der Frage nach ihren aktuellen Forschungsprojekten leuchten ihre Augen auf. Aktuell interessiert sie sich besonders für den Einfluss persönlicher Eigenschaften von Gründer*innen auf Teamdynamiken. Also etwa: Was macht das mit einem Team, wenn der*die CEO narzisstisch oder paranoid ist? Auf die Forschungsfragen kommt sie anhand von praktischen Beispielen. „Bill Gates ist zum Beispiel sehr paranoid. Ich frage mich, ob das Vorteile haben kann und wann der Punkt kommt, an dem sowas kippt.“
Aber nicht nur Forschung, sondern besonders die Lehre liegt ihr am Herzen: „Ich liebe es, Studierende für Unternehmertum und Innovation zu begeistern“, so Carolin Krieweth. Erst vor kurzem traf sie eine ehemalige Studentin, die erzählte, dass die Vorlesung bei Professor Malte Brettel und Carolin Krieweth ihr solchen Aufschwung gab, dass sie jetzt selbst gegründet hat. „Das war super schön zu hören.“ Den Weg in der Wissenschaft möchte sie unbedingt weitergehen. Das Besondere an ihrer Lehre:
„Ich kann meine Vorlesungen nicht nur theoriebasiert halten, sondern habe auch eine Geschichte zu erzählen: Die Gründung von Regascold.“
Die RWTH als Innovationsökosystem
Die RWTH spielte und spielt dabei eine zentrale Rolle in Carolin Krieweths Leben, denn sie bedeutet für sie, Teil eines Innovationsökosystems zu sein. „Innovationsökosysteme bieten immer die Möglichkeit, dass man wachsen kann. Ich habe hier von exzellenten Strukturen profitiert und konnte selbst wachsen.“ Am liebsten hält sie sich in ihrem Büro in der Kackertstraße auf – „auch wenn die Kackertstraße wirklich nicht der schönste Ort ist“, lacht sie. Während ihrer Promotion konnte Carolin Krieweth intensiv mit Start-ups zusammenarbeiten und ein wertvolles Netzwerk aufbauen. „Hier habe ich gelernt, wie viel Mut man braucht, um erfolgreich zu gründen“, sagt sie. Besonders prägend während dieser Zeit war ihr Doktorvater Malte Brettel: „Er hat mein Verständnis von Unternehmertum stark geprägt.“ Ihr zentraler Ratschlag an diejenigen, die selbst gründen möchten? Das ist ziemlich komplex. Dennoch, ein Tipp ist: „Man sollte nicht zu lange auf den perfekten Moment warten. Viele Gründer*innen neigen dazu, ihre Idee im stillen Kämmerchen zu perfektionieren.“ Doch das wäre fatal. So verpasst man die Möglichkeit, mit potenziellen Kund*innen zu sprechen, früh Feedback einzuholen und die eigene Idee Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Außerdem ein wichtiger Punkt:
„Wenn ich eine Start-up-Idee sehe, frage ich mich immer, ob sie ein wirkliches Problem löst. Wenn Kund*innen das Problem nicht als Problem empfinden, werden sie vermutlich nicht die Lösung haben wollen.“
Und was macht man, wenn man gründen möchte, aber keine Idee hat? Krieweth lacht. „Ich bin auch meist nicht die Person, die eine Idee mitbringt, sondern die, die sich für eine Idee begeistern lässt.“ An der RWTH, so erklärt sie, gibt es ein sogenanntes Cofounder-Matching – eine Plattform, auf der Gründende Partner*innen suchen oder andersherum. In ihren Vorlesungen sitzen meist Studierende, die etwas Ingenieurswissenschaftliches gründen möchten, „das liegt bei uns einfach an dem technischen Schwerpunkt der RWTH“, erklärt sie. „Außerdem unterstützen wir am WIN-Lehrstuhl [Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Anm. d. Red.] ein Refugee-Projekt in Aachen, dann handelt es sich oft um Gründungen wie Cafés oder Kioske.“
Blick in die Zukunft
Carolin Krieweths Werdegang wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich: Ein Fernstudium an der Fernuniversität Hagen, der Masterabschluss an der Maastricht University und 2023 die Promotion an der RWTH. Für Carolin Krieweth hat es so gepasst: „Ich war in meiner Studienzeit politisch sehr aktiv und wollte räumlich ungebunden sein.“ Die Entscheidung für eine Fernuni war daher vor allem eine pragmatische. Maastricht war dann eine Entscheidung für Internationalität und Interaktion, so Carolin Krieweth; besonders das problembasierte Lernsystem dort hat sie fasziniert. „Ich habe in kleinen Gruppen gelernt, komplexe Probleme zu analysieren und in Teams Lösungen zu entwickeln, das fand ich spannend. Außerdem wollte ich gerne englischsprachig studieren.“ Die Tätigkeit als Research Assistant nach dem Abschluss im Department for Education and Research in Maastricht prägte ihre Leidenschaft für Lehre nachhaltig.
Professur, Forschung, Lehre, Start-up … Der Tag muss voll sein bei Carolin Krieweth. „Ich habe jeden Tag eine To Do-Liste und blocke meinen Kalender nach Themen, so behalte ich den Überblick.“ Aber trotzdem ist kein Tag wie der andere zwischen administrativen Aufgaben, Fakultätsrat, Betreuung von Promovierenden, Konferenzen und Start-up-Beratung. „In der Regel gehen auch am Wochenende ein paar Stunden für die Arbeit drauf ...“
In die Zukunft blickt Carolin Krieweth voller Freude: eine etablierte Professur, Regascold international aufgestellt, Gesundheit und Zufriedenheit. Und Forschung und Lehre? „Ich möchte weiterhin meine Forschungsprojekte verfolgen und jungen Menschen Mut machen, selbst unternehmerisch tätig zu werden. Ich sehe meine Rolle darin, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu bauen und die will ich weiterverfolgen.“
– Autorin: Siba Fitzau. Das Interview wurde im September 2025 geführt.