Mit Zeugenschafts-Dialogen gegen die Sprachlosigkeit
Das transdisziplinäre Projekt „Testimonial Lab“ erforscht an der RWTH, wie sich Polarisierung und Kommunikationsabbrüche überwinden lassen
Fast jede*r kann es aus eigener Erfahrung bestätigen: das gegenwärtige gesellschaftliche Meinungs- und Debattenklima ist deutlich rauer als gewöhnlich – mittlerweile sogar so rau, dass viele in ihm eine zunehmende Herausforderung für die Demokratie erkennen. Ob Klimawandel, Rechtspopulismus oder Sicherheits- und Verteidigungsfragen – überall scheinen sich diametral entgegengesetzte Positionen innerhalb der Zivilgesellschaft gegenüberzustehen.
Oft spitzen sich dabei die Konflikte so sehr zu, dass zwischen den unterschiedlichen Positionen kaum noch konstruktiv-kritische Auseinandersetzungen stattfinden. Stattdessen verschanzen sich die Kontrahent*innen hinter den jeweils eigenen Werten und Überzeugungen und sprechen der jeweils anderen Gruppe prinzipiell ab, dass deren Werte und Überzeugungen überhaupt legitim seien. Am Ende wird nur noch über- statt miteinander gesprochen, mit dem Ergebnis, dass immer öfter negative Stereotype, abstrakte Feindbilder oder gar Formen der systematischen Gesprächsverweigerung die öffentliche Debatte bestimmen.
Die damit skizzierte Problemlage bildet den Hintergrund des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojekts „Testimonial Lab“, das im vergangenen Jahr an der RWTH Aachen durchgeführt wurde und in dem sich Wissenschaftler*innen des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte sowie des Lehrstuhls für Technik- und Organisationssoziologie mit zivilgesellschaftlichen Partner*innen des MörgensLab am Theater Aachen, des DGB Nordrhein-Westfalen und des zivilgesellschaftlichen Netzwerks der Regionalen Resilienz Aachen e.V. zu einem transdisziplinären Forschungsteam zusammengetan haben.
Der Konflikt im Rheinischen Braunkohlerevier
Ziel des Projekts war es, Chancen des konstruktiven Austauschs zwischen verfeindeten gesellschaftlichen Gruppen gerade in solchen Situationen auszutesten, in denen diese Chancen erst einmal schlecht stehen. Als exemplarischen Fall konzentrierte sich das Projekt auf den Konflikt im Rheinischen Braunkohlerevier. Über Jahrzehnte hinweg wurden hier teils harte und stark emotionalisierte Auseinandersetzungen um den Braunkohleausstieg, um den Hambacher Forst und Lützerath, ausgefochten. Viele der unmittelbar am Konflikt beteiligten Gruppen, beispielsweise die Beschäftigten im regionalen Energiesektor auf der einen und diverse Gruppen von Umweltaktivist*innen auf der anderen Seite, hatten dabei die Gräben zwischen ihnen immer tiefer gezogen, sodass am Ende ein konstruktiver Austausch für beide Seiten weder denkbar noch erstrebenswert erschien. Dem Forscher*innenteam des Testimonial Lab ging es darum, anhand dieses Beispiels in einem transdisziplinären Experiment und unter aktiver Beteiligung der Konfliktparteien, neue Formen des bürgerschaftlichen Austauschs in harten Konflikten auszuprobieren.
Was also tun, wenn die Kommunikation ein für alle Mal abgebrochen zu sein scheint? Wie kann man mit solchen Kommunikationsabbrüchen umgehen, wie lassen sie sich womöglich gar überwinden?
In Zeiten der starken Polarisierung öffentlicher Debatten stellen sich diese Fragen mit zunehmender Dringlichkeit. Einfach beantworten lassen sie sich jedoch nicht. Mit fortschreitender kommunikativer Einkapselung und Fragmentierung breitet sich unter den Konfliktbeteiligten nämlich oft zugleich das Gefühl aus, auf der Verliererseite gesellschaftlicher Entwicklungen zu stehen oder in der öffentlichen Debatte nicht gebührend gehört und vertreten zu werden. Mit diesem Gefühl aber schwindet nicht selten auch das Vertrauen in etablierte Methoden der kommunikativen Vermittlung und Konfliktlösung der politischen und medialen Institutionen, mitunter auch das Vertrauen in die Demokratie überhaupt. Und auch die sozialwissenschaftliche Forschung hat hier bisher kein Patentrezept anzubieten, im Gegenteil. Viele sozialwissenschaftlich erprobten Partizipationsformate wie etwa Bürgerräte oder „mini publics“ [deliberative Gremien, Anm. d. Red.], mit denen neue Möglichkeiten der direkten Beteiligung von Bürger*innen am öffentlichen Diskurs eröffnet werden sollen, setzen ein Mindestmaß an Vertrauen und Kommunikationsbereitschaft voraus. Sie scheitern daher oft gerade dort, wo Kommunikationsabbrüche entstehen, weil eben diese Mindestvoraussetzungen fehlen.
Der „Zeugenschafts-Dialog“
Das Testimonial Lab-Projekt stand somit vor der Aufgabe, neue Wege zu gehen und andere als die etablierten Beteiligungsformate auszuprobieren. Dazu wurde das neuartige experimentelle Kommunikations-Setting des „Zeugenschafts-Dialogs“ entwickelt, das im Kern auf zwei Grundideen aufbaut: Es geht dabei erstens darum, den Kommunikationsabbruch zunächst einmal als gegeben zu akzeptieren, ihn aber zugleich in ein experimentelles Format „indirekter Kommunikation“ zu übersetzen, das die Situation für die Beteiligten aus einer anderen Perspektive erfahrbar und dadurch zumindest vorsichtige, schwache Bezugnahmen auf die Gegenseite wieder möglich machen soll. Zweitens kann es in Zeugenschafts-Dialogen, unter den gegebenen Umständen der Nicht-Kommunikation, zwischen den Konfliktparteien realistisch betrachtet nicht darum gehen, unmittelbar einen anspruchsvollen „deliberativen“, das heißt auf rationale Problemlösung und Verständigung ausgerichteten Kommunikationsprozess, anzustreben, wie es etwa in Bürgerräten versucht wird. Stattdessen geht es primär darum, mithilfe gezielt eingesetzter Formate indirekter Kommunikation, kreativ-spielerischer Zeugenschaft und kollektiver Erfahrungsberichte überhaupt erst einmal Raum für die sehr subjektiven Erfahrungen der Konfliktbeteiligten auf beiden Seiten zu schaffen – und darum, die jeweils andere Seite mit diesen Erfahrungen zu konfrontieren.
Konkret umgesetzt wurde diese Grundidee in einem mehrmonatigen Workshop-Experiment, an dem sich jeweils eine Gruppe von Klima-Aktivist*innen und von Beschäftigten im Energiesektor beteiligten. In Form einer künstlerisch aufbereiteten Flaschenpost, so die Idee des sozialen Experiments des Zeugenschafts-Dialogs, sollte jede der beiden vermeintlich unvereinbar gegenüberstehenden Gruppen der jeweils anderen eine Botschaft erstellen. Dazu trafen sich die beiden Gruppen zu getrennten Workshops im MörgensLab des Theater Aachens. Die Gruppen kommunizierten somit nicht direkt miteinander, adressierten aber stattdessen indirekt und vermittelt über die kreativ-künstlerische Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen die eigene Botschaft an die andere Seite.
In einem letzten Workshop wurde dann die Botschaft der jeweiligen Flaschenpost der Gruppe, für die diese Botschaft bestimmt war, präsentiert und in der adressierten Gruppe ausgiebig besprochen. Interessanterweise nahmen beide Gruppen die Botschaften der jeweils anderen Gruppe vor allem als eine völlige Verzerrung ihrer eigenen Position wahr. Trotz anfänglicher Empörung inspirierte diese Art von indirektem testimonialem Dialog mit den Anderen letztlich aber in beiden Gruppen einen fruchtbaren Denk- und Austauschprozess, in dem auch Momente der vorsichtigen dialogischen Neugierde auf die andere Gruppe und Ansätze für Gesprächsbereitschaft entstanden. Den Schlusspunkt des Projekts setzte daher am Ende ein Treffen beider Gruppen, mit dem sich die erhoffte Wiederaufnahme des Gesprächsfadens zumindest abzeichnete.
Ein vielversprechendes Projekt
Zeugenschafts-Dialoge – so lautet aus Sicht des Forscher*innenteams die Bilanz des Experiments – können nicht nur ignorierten Positionen eine Stimme geben, eine spezifisch subjektive Form der Wahrheit artikulieren und den Zuhörenden die Möglichkeit bieten, sich mit verschiedenen Aspekten der geteilten Erfahrungen auseinanderzusetzen. Sie können darüber hinaus auch oft latent wirkende Kommunikationshindernisse sichtbar und konstruktiv bearbeitbar machen. Vor allem aber können sie dazu beitragen, in harten Konfliktsituationen, vorsichtige Gesprächsfäden zwischen verfeindeten Gruppen neu zu stiften und damit die kommunikative Offenheit des öffentlichen Streits um Positionen und zugleich den demokratischen Zusammenhalt einer Gesellschaft zu stärken. Die ganz tiefen Gräben zwischen politischen Extrempositionen und stark ideologisch radikalisierten Gruppen lassen sich zwar auch auf diese Weise sicherlich kaum überbrücken.
Als Mittel zur konstruktiven Bearbeitung der zunehmend verhärtenden Frontlinien, die gegenwärtig immer öfter auch die Mitte der demokratischen Debatte durchschneiden und die für die Demokratie womöglich das größere Problem darstellen, haben sich Zeugenschafts-Dialoge in dem ersten Testimonial Lab Experiment hingegen als sehr vielversprechend erwiesen. Ein breiter angelegtes und auf den bisherigen Ergebnissen aufbauendes Folge-Forschungsprojekt ist jedenfalls an der RWTH bereits in Planung.
Weitere Informationen
Das vollständig dokumentierte Projekt im Working Paper:
https://journals.ub.rwth-aachen.de/htwp/article/view/148
Das ganze Projekt als Podcast:
https://open.spotify.com/show/4S9rK3cUo3wEG0BEPHft0d?si=0e3d2a0be6e24be9
– Autoren: Roger Häußling und Hans-Jörg Sigwart