5 Fragen an … Dr. Nele Stadtbäumer
Co-Gründerin und CEO der Trauerbegleitung „grievy“ und RWTH Alumna
Dr. Nele Stadtbäumer ist Co-Gründerin und CEO der Trauerbegleitung „grievy“. Nach ihrem Masterstudium der Psychologie an der RWTH und ihrer Promotion im Bereich der Computational Life Sciences und Datenanalyse an der Universität Bielefeld sowie RWTH gründete sie ihr Start-up: grievy – moderne Trauerbegleitung, digital und nah.
1. Wie sieht Ihre aktuelle berufliche Rolle aus und welche Aufgaben prägen Ihren Arbeitsalltag?
Als Geschäftsführerin von grievy – dem Marktführer im Bereich digitale Trauerbegleitung – gestalte ich die strategische und inhaltliche Ausrichtung unseres Unternehmens. Wir sind gebootstrapped gewachsen, was bedeutet, dass ich neben Leadership auch Verantwortung für Vertrieb, Marketing und Partnerschaften trage. Gleichzeitig ist mir der direkte Kontakt zu den trauernden Menschen, die wir begleiten, weiterhin sehr wichtig – er hält unsere Arbeit nah an der Realität und an den tatsächlichen Bedürfnissen. Mein Alltag ist daher eine Mischung aus unternehmerischen Entscheidungen, Produktentwicklung, Gesprächen mit (potenziellen) Kund*innen und der kontinuierlichen Weiterentwicklung unseres Angebots. Die Verbindung von wissenschaftlicher Fundierung, Innovation und echter Menschlichkeit steht dabei im Zentrum.
2. Inwiefern hat die Zeit an der RWTH Aachen Sie zu Ihrer aktuellen Tätigkeit inspiriert?
Psychologie wird klassischerweise nicht automatisch mit Unternehmertum verbunden. An der RWTH jedoch war Innovation allgegenwärtig. Neben meinem Studium und meiner Promotion gab es zahlreiche Angebote rund um Gründung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und unternehmerisches Denken. Die Kultur, Dinge auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen, hat mich geprägt. Die RWTH vermittelt nicht nur Fachwissen, sondern auch die Haltung: Wenn du eine Idee hast, setz sie um. Diese Mentalität hat sicher dazu beigetragen, dass ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habe.
3. Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Zeit an der RWTH?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die starke Gemeinschaft. Ich hatte enge Freundschaften innerhalb der Psychologie, aber ebenso viele Freundschaften in andere Fachrichtungen. Dieser Austausch über Disziplinen hinweg hat meinen Horizont enorm erweitert. Neben dem Studium war ich zudem sehr aktiv im Snowsport-Team und in der Akrobatik. Dass ich für Aachen bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften im Snowboard Cross sogar Silber gewinnen durfte, gehört definitiv zu meinen besonderen Momenten. Die Möglichkeit, neben einem anspruchsvollen Studium auch sportlich und persönlich zu wachsen, hat meine Zeit an der RWTH sehr geprägt.
4. Wie sehen Ihre zukünftigen Pläne und Ziele aus – beruflich und/oder persönlich?
Beruflich möchte ich grievy weiter skalieren – ohne die inhaltliche Tiefe zu verlieren, die uns auszeichnet. Digitale Trauerbegleitung hat enormes Potenzial, noch mehr Menschen niedrigschwellig zu erreichen und gesellschaftlich sichtbarer zu machen. Dieses Feld aktiv mitzugestalten und weiter zu professionalisieren, ist ein klares Ziel.
Gleichzeitig befinde ich mich auch persönlich in einer spannenden Phase: In diesem Jahr darf ich mein erstes Ratgeberbuch gemeinsam mit dem EMF Verlag veröffentlichen. Es ist für mich ein weiterer Schritt, psychologisches Wissen rund um Trauer verständlich, differenziert und nahbar zugänglich zu machen.
Langfristig geht es mir darum, Wirkung zu entfalten – unternehmerisch wie gesellschaftlich – und dabei Raum für persönliche Entwicklung und neue Lebensabschnitte zu lassen.
5. Trauer und eine digitale App – Wie entstand die Idee, diese beiden Dinge zu verbinden und wie wurde die Idee in die Tat umgesetzt?
Die Idee entstand aus einem sehr persönlichen Einschnitt: Mein Vater starb plötzlich, einen Monat bevor ich meine Promotion begann. Ich war 24 Jahre alt und obwohl ich Psychologin war, fühlte ich mich orientierungslos. Mir wurde deutlich, wie viele Menschen in ihrer Trauer allein bleiben, wie wenig strukturierte, fundierte und gleichzeitig alltagsnahe Begleitung es gibt. Aus dieser Erfahrung entstand zunächst kein Businessplan, sondern eine Frage: Wie kann Unterstützung genau dort stattfinden, wo Menschen ohnehin sind? Der Weg von der Idee zur Umsetzung war geprägt von Gesprächen mit Betroffenen, ersten Konzepten, viel Eigeninitiative und dem Mut, einfach anzufangen. Wir haben klein begonnen, kontinuierlich weiterentwickelt und sind organisch gewachsen. Heute zeigt sich: Digitale Begleitung kann Nähe schaffen, wenn sie wissenschaftlich fundiert und menschlich gedacht ist.