Dr. Marie Jaroni (RWTH Alumna) ist seit dem ersten November 2025 CEO der thyssenkrupp Steel Europe AG.

„Zu Führung gehört auch Zuhören.“

Dr. Marie Jaroni, CEO der thyssenkrupp Steel Europe AG und RWTH Alumna, im Gespräch mit der „keep in touch“

Dr. Marie Jaroni ist seit dem ersten November 2025 CEO der thyssenkrupp Steel Europe AG. Strategische Weiterentwicklung des Unternehmens, Qualitätssicherung, Öffentlichkeitsarbeit, Politik, … Die Aufgaben von Marie Jaroni sind vielfältig. Sie studierte Metallurgie und Werkstofftechnik an der RWTH und promovierte zum Thema „Metalle der Seltenen Erden in Europa“. Im Interview mit der „keep in touch“ spricht die RWTH Alumna über ihre Faszination für Stahl, die große Aufgabe, Deutschlands größten Stahlhersteller zu leiten sowie über ihre Zeit an der RWTH.

 

Liebe Frau Dr. Jaroni, Sie waren einige Jahre in der Wissenschaft tätig und haben dann bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company gearbeitet. Warum haben Sie sich nach der Wissenschaft für Unternehmensberatung entschieden?

Ich war immer schon an unterschiedlichen Perspektiven interessiert. Vor meinem Studium in Aachen habe ich Politik und Geschichte in Bonn studiert. Nach dem sehr fokussierten Studium der Metallurgie in Aachen war ich fachlich stark spezialisiert. Davon wollte ich mich ein Stück weit lösen und mehr wirtschaftliches Verständnis gewinnen. Die Unternehmensberatung bot dafür aus meiner Sicht eine sehr gute Möglichkeit, auch durch die internationale Ausrichtung. Ich konnte viel reisen, unterschiedliche Unternehmen kennenlernen und meinen Horizont erweitern. Ich hatte das Gefühl, dort in kurzer Zeit viele verschiedene Themen zu sehen und viel über Wirtschaft zu lernen. Deshalb habe ich mich bei McKinsey beworben.

Sie erwähnten gerade schon Ihr Studium: Sie studierten zuerst Geschichte, Politik und Physik in Bonn und erst danach Metallurgie und Werkstofftechnik an der RWTH. Woher kam Ihr Wunsch, sich mehr mit Metall auseinanderzusetzen?

Ich war in der elften Klasse im Rahmen eines „Girls’ Day“ in einem Gießereiinstitut, das fand ich sehr faszinierend. Dort wurde Metall aufgeschmolzen und zu einer Münze gegossen. Mich hat damals beeindruckt, wie viel dabei zusammenkommt, etwa die Chemie dahinter … Und später dann ging es um meine Studienwahl. Am liebsten hätte ich ein Studium Generale gemacht, also in unterschiedliche Fächer hineingeschnuppert, und mich anschließend entschieden. Diese Möglichkeit gab es damals in Deutschland allerdings nur sehr selten und nicht an den Unis, die für mich infrage kamen. Deshalb bin ich nach Bonn gegangen und habe mir gewissermaßen mein eigenes Studium Generale zusammengestellt, indem ich Geschichte, Politik und Physik studiert habe. Das habe ich zwei Semester lang gemacht und währenddessen überlegt, wie mein weiterer Weg aussehen könnte. Nach einer propädeutischen Übung kam ich mit einem Geschichtsprofessor ins Gespräch, der mich nach meinen Nebenfächern fragte, da Geschichte mein Hauptfach war. Als ich Physik erwähnte, wurde er aufmerksam und fragte „Sie machen Physik? Können Sie auch etwas Naturwissenschaftliches?“ Als ich antwortete, dass mich das sehr interessiere, riet er: „Dann studieren Sie doch das!“. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ohnehin schon darüber nachgedacht, mich stärker auf ein Fach zu konzentrieren, und habe mich an meinen „Girls’ Day“ in der elften Klasse erinnert. So bin ich schließlich zu der Entscheidung gekommen, an der RWTH Aachen Metallurgie zu studieren.

Meine Eltern studierten auch beide in Aachen, vielleicht gab es da eine gewisse Vorprägung. Außerdem ist Aachen eine schöne Stadt! Nicht zu groß, sondern eine Studierendenstadt. Das war mir wichtig, weshalb ich auch zunächst Bonn gewählt hatte. Die RWTH ist zudem eine sehr gute technische Universität. Das Gesamtpaket passte für mich einfach gut. Hinzu kommt, dass man Metallurgie auch nicht an vielen Unis studieren kann.

Inwiefern hat Ihre Zeit an der RWTH Ihre berufliche Laufbahn beeinflusst?

Ich bin ja noch sehr nah an meinem Studium dran. Ich habe Metallurgie studiert und leite jetzt den größten deutschen Stahlhersteller – da greife ich noch stark auf das fachliche Fundament zurück, das ich während meines Studiums gelegt habe. Ich bin sicher nicht die größte Fachexpertin, wenn ich mich mit den Kolleginnen und Kollegen vergleiche, die täglich in der Produktion arbeiten. Aber ich verstehe sehr genau, was hier passiert. Das ist für eine Position im Vorstand oder auch als CEO sehr hilfreich: Ich verstehe die Prozesse und die Produkte, die daraus entstehen. Dass ich als CEO technisch so fundiert ausgebildet bin, ist eher ein Spezialfall - und für meine Arbeit äußerst wertvoll.

Darüber hinaus habe ich aus meinem Studium die Faszination für flüssiges Metall mitgenommen: dafür, was man aus einem Erz machen kann und was am Ende daraus entsteht. Diese Faszination hatte ich vor dem Metallurgiestudium so noch nicht. Sie ist ganz klar durch meine Zeit an der RWTH und durch die vielen Praktika entstanden, die ich absolviert habe.

Die Produkte, die aus Stahl hergestellt werden, begegnen uns in so vielen Alltagsgegenständen. Wir halten jeden Tag etwas in der Hand, das aus Stahl besteht – und hier in Deutschland nicht selten aus thyssenkrupp-Stahl. Ob im Auto, Ihrer Waschmaschine: Überall ist Stahl drin. Wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, kann ich sagen „Schaut mal, das ist von uns, das haben wir produziert!“ Stahl ist anfassbar. Wenn man etwa die Schiffe mit Erz und Kohle sieht, die aus Rotterdam bei uns ankommen, sieht man auf den ersten laienhaften Blick nur rohes Gestein. Am Ende entsteht daraus jedoch ein hochpräzise eingestelltes Qualitätsprodukt. Das ist aus prozesstechnischer Sicht unglaublich faszinierend.

Wo war denn Ihr liebster Ort auf dem Campus als Sie hier studierten und promovierten?

Ich war sehr gerne in der Intzestraße [Standort des Metallurgie-Instituts, Anm. d. Red.] – oder in der Mensa.

Ich war lange studentische Hilfskraft im Institut für Nicht-Eisen-Metallurgie (IME). Daran habe ich sehr schöne und warme Erinnerungen. Es war eine tolle Gemeinschaft, und ich habe in einem sehr spannenden Team gearbeitet.

Seit 2024 sind Sie bei thyssenkrupp im Vorstand und seit November 2025 CEO. Hat sich Ihr Leben mit diesen Schritten stark verändert?

Der Schritt in den Vorstand war natürlich bereits mit einer deutlich größeren Verantwortung verbunden als die Aufgaben, die ich zuvor hatte. Der Wechsel zum CEO ist jedoch noch einmal ein riesiger Schritt. Die Rolle des CEO bringt eine viel stärkere Exponiertheit mit sich, sowohl nach außen als auch innerhalb des Unternehmens. Damit gehen viele spannende und positive Aspekte einher, gleichzeitig aber auch erhebliche Herausforderungen. Alles, was man tut oder sagt, wird sehr genau wahrgenommen und eingeordnet.

Zudem nehme ich heute deutlich mehr politische Aufgaben und Öffentlichkeitsarbeit wahr. Das hatte ich auch bereits in früheren Funktionen – zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Thema „grüner Stahl“. Als CEO des größten deutschen Stahlherstellers – das muss einem vorher klar sein – ist das allerdings noch einmal mehr.

Sie sind unter anderem verantwortlich für strategische Ausrichtung, Öffentlichkeitsarbeit, Politik, … Sie gehen aber auch in die Werke und reden mit den Menschen, die für thyssenkrupp arbeiten. Wie kann man sich denn einen typischen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?

Einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir eigentlich nicht. Heute Morgen habe ich zum Beispiel einige Strategiethemen mit meinem Team besprochen, jetzt spreche ich mit Ihnen, später findet bei uns „Jugend forscht“ statt. Da gehe ich hin und unterstütze die Kinder bei ihren tollen Ideen - das könnte man durchaus auch unter „Öffentlichkeitsarbeit“ einordnen. Heute Abend habe ich dann noch einen Termin zu Finanzthemen. Morgen früh bin ich im Kaltwalzwerk und treffe mich dort mit Kolleginnen und Kollegen. Das ist ein gutes Beispiel für das Spektrum meiner Arbeit über zwei Tage hinweg.

Haben Sie aktuell noch Kontakt zur RWTH?

Ja, zu den Metallurgie-Lehrstühlen, insbesondere zu Professor Bernd Friedrich. Wir stehen in engem Austausch, weil er fachlich sehr nah an den Themen ist, die wir hier bei thyssenkrupp bearbeiten. Wir beraten uns und überlegen, in welchen Bereichen Kooperationen mit dem Institut sinnvoll sind; das ist gerade im Aufbau. Ich bin auch immer mal wieder an der RWTH - beruflich, aber zum Beispiel auch beim jährlichen Ehemaligen-Treffen unseres Instituts.

Zwischenzeitlich haben Sie die Dekarbonisierungstransformation von thyssenkrupp geleitet, also waren dafür verantwortlich, 2,5 Prozent von Deutschlands gesamten CO2-Emissionen zu verringern. Wie sind Sie denn mit so einer großen Aufgabe umgegangen? Wie ist der aktuelle Stand beim „grünen Stahl“?

Es ist politisch, gesellschaftlich und klimatechnisch notwendig, dass wir unsere Hochöfen schrittweise durch andere Technologien ersetzen. Rund 80 Prozent unserer CO₂‑Emissionen entstehen im Hochofenprozess. Damit war klar, dass wir genau dort ansetzen müssen. Vor diesem Hintergrund haben wir eine klare Strategie entwickelt. Der erste Schritt war, das Konzept für eine sogenannte Direktreduktionsanlage mit einem nachgelagerten Einschmelzer zu erarbeiten. Der zweite Schritt bestand darin, die passenden Partner für die Umsetzung zu finden. Gemeinsam mit einem Anlagenbauer befinden wir jetzt im dritten Schritt und bauen diese Anlage, um den ersten Hochofen zu ersetzen. Ein weiterer wichtiger Baustein war die Beantragung von Fördermitteln. Diese erhalten wir von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Nordrhein-Westfalen. Das ermöglicht es uns, ein solches Großprojekt mit einem Investitionsvolumen von ungefähr drei Milliarden Euro auch tatsächlich umzusetzen. Wo stehen wir aktuell? Wir bauen die neue Anlage. Ich fahre sehr gerne regelmäßig dorthin und schaue mir den Fortschritt vor Ort an.

In den Medien liest man es überall: Auch finanziell steht thyssenkrupp vor Herausforderungen. Es wurden und werden sehr viele Arbeitsplätze im Unternehmen abgebaut. Das ist bestimmt nicht leicht. Trotzdem haben Sie an Betriebsversammlungen teilgenommen und sich Diskussionen mit Mitarbeitenden gestellt. Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich sehe es als eine der Hauptaufgaben eines Vorstandes - und insbesondere auch einer CEO - dass man sich der Verantwortung stellt – auch und gerade in schwierigen Situationen. Dazu gehört, Orientierung zu geben, Transparenz über die nächsten Schritte zu schaffen und den Kolleginnen und Kollegen gerade in schwierigen Situationen Klarheit zu vermitteln.. Mir ist es wichtig, mich auf Betriebsversammlungen den Fragen der Kolleginnen und Kollegen zu stellen und mitzubekommen, was die Menschen im Unternehmen wirklich beschäftigt. Ich verstehe es als meine Aufgabe, diese Verantwortung zu übernehmen: zuzuhören, transparent zu kommunizieren, Orientierung zu geben und die Sorgen und Fragen der Mitarbeitenden aufzunehmen und zu verstehen.

„Ich möchte verstehen, was die Kolleginnen und Kollegen beschäftigt“, so Dr. Marie Jaroni.

Sie sind viel in den Werken von thyssenkrupp unterwegs. Weihnachten haben Sie beispielsweise die Betriebsfeuerwehr besucht. Machen Sie das auch vor dem Hintergrund, dass Sie die Menschen, die für thyssenkrupp arbeiten, sehen und hören möchten?

Genau, aber immer im Dialog. Wie gesagt: Mir ist es wichtig zu verstehen, was die Kolleginnen und Kollegen beschäftigt, welche Themen sie umtreiben und was aktuell in den Werken passiert. Denn sie sind das Herz unseres Unternehmens – die Stahlherstellung muss funktionieren, und zwar sicher und gut. Deshalb war ich zum Beispiel auch bei der Betriebsfeuerwehr. Die Kolleginnen und Kollegen dort sorgen dafür, dass wir im Ernstfall sehr schnell Hilfe haben und sicher produzieren können. Es ist für mich wichtig, mit den Kolleginnen und Kollegen in Kontakt zu kommen. Das ist aus meiner Sicht ein zentraler Teil von Führung. Als Vorstand muss man führen - und dazu gehört auch zuzuhören. Das lässt sich nicht ausschließlich über einen Bildschirm abbilden, dafür muss man auch vor Ort sein.

Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist sicher nicht immer leicht. Möchten Sie teilen, wie Sie diese Balance erlebt haben? Haben Sie vielleicht einen Ratschlag für Familien?

Ich glaube, es ist wichtig, sich klarzumachen, dass man nicht immer alles allein stemmen kann. Dazu gehört auch, Hilfe anzunehmen, sich ein Netzwerk aufzubauen und klare Prioritäten zu setzen. Allgemeine Ratschläge finde ich allerdings schwierig, weil Familienkonstellationen sehr unterschiedlich sind. Gibt es Großeltern, die unterstützen können? Wie selbstständig sind die Kinder? Wie stark ist der Partner*die Partnerin eingebunden? Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden und klare Prioritäten setzen.

Haben Sie einen zentralen Ratschlag für Alumni oder Studierende, die auch eine Karriere in der Stahlindustrie anstreben? Was würden Sie ihnen mitgeben wollen?

Dass das eine gute Idee ist! Stahl ist ein faszinierender Werkstoff, und die ganze Industrie befindet sich mitten im Umbruch durch die Dekarbonisierung. Wir erforschen, entwickeln und bauen komplett neue Anlagen, um Stahl perspektivisch CO2-frei herzustellen. Was wir bei thyssenkrupp - ebenso wie andere Stahlherstellern in Deutschland - im Bereich Prozess- und Anlagentechnik leisten, ist ‚State of the Art‘ [modernster Entwicklungsstandard, Anm. d. Red.]. Für angehende Ingenieur*innen ist das aus meiner Sicht ein sehr vielfältiges und spannendes Umfeld. Die Stahlindustrie in Deutschland hat Zukunft, und damit ist auch eine persönliche Zukunft in dieser Industrie sinnvoll. Stahl ist ein Basiswerkstoff und Ausgangspunkt für viele Wertschöpfungsketten in Deutschland und Europa. Auch wenn sich einzelne Wertschöpfungsschritte verlagern, wird Stahl weiterhin in Deutschland produziert werden. Das wird aktuell auch politisch unterstützt.

Einen einzelnen zentralen Ratschlag habe ich deshalb eigentlich nur bedingt – außer vielleicht: einfach machen! Die Arbeit ist spannend, technisch vielfältig und interdisziplinär. Diese Vielfalt findet man auch bei uns: Chemieingenieur*innen, Metallurg*innen, Verfahrenstechniker*innen, Maschinenbauer*innen, Elektroingenieur*innen –aus meiner Sicht gibt es hier für jede*n ein interessantes Umfeld. Und wir freuen uns immer über Studierende der RWTH!

Was würden Sie sagen, soll man in zehn Jahren mit Ihnen als CEO von thyssenkrupp in Verbindung bringen? Haben Sie ein Ziel?

Dass man sagt: sie hat gemeinsam mit ihrem Team die Transformation umgesetzt, nicht nur angestoßen. Sie hat thyssenkrupp wieder nachhaltig profitabel aufgestellt, und die Mitarbeitenden sind stolz, hier zu arbeiten.
Das wäre schön.

– Autorin: Siba Fitzau. Das Interview wurde im Februar 2026 geführt.